2010/02/07

Steve McQueen – Hunger

Als ich in der Auflistung der DVDs des Jahres des Filmdienst Hunger von Steve McQueen entdeckte, war ich sehr überrascht, dass dieser sperrige Film nicht nur in Deutschland auf DVD veröffentlicht worden ist, sondern dass die Veröffentlichung auch noch gut genug ausgefallen ist um von Streberpublikationen abgefeiert zu werden. Ebenfalls überrascht hat mich, dass die DVD bei Ascot Elite erschienen ist, die sich zwar ab und an einem Kunstfilm zuwenden, die bei mir aber seit jeher unter "tolle Jess Franco DVDs" abgespeichert sind. Das Label war dann auch so freundlich mir ein Rezensionsexemplar dieser hervorragenden Auseinandersetzung mit dem Hungerstreik von IRA Häftlingen für die nachfolgende Rezension zur Verfügung zu stellen.


Der Film erzählt erst ab dem zweiten Akt die Geschichte von Bobby Sands (Michael Fassbender), dem ersten Toten des Hungerstreiks, und widmet sich den ersten Akt über den Zuständen während des „Blanket Protest“ und des „Dirty Protest“. Gleichberechtigt werden Wärter und Gefangene dargestellt, bis nach einem extremen Ausbruch der Gewalt und einem eindringlichen Dialog zwischen Sands und einem Priester (Liam Cunningham) im zweiten Akt die letzten dreißig Minuten über Bobby Sands langsamer Hungertod dargestellt wird. Das alles gleicht eher einer kunstvollen Versuchsanordnung über Körper und Kommunikation als einem Spielfilm, wodurch der Film erst recht an Qualität gewinnt.

Die sehr ruhige, fast analytische Kameraarbeit hält den Zuschauer auf Distanz zum gewaltvollen und manchmal sogar erschreckenden Geschehen. Auch der Umstand, dass neben den Gefangenen auch Wärter und ein junger Polizist in den Fokus des Films rücken hilft dabei, das Geschehen sachlich zu betrachten und sich den grundlegenden Fragen, die der Konflikt und der Hungerstreik aufwerfen, zu stellen, statt emotional manipuliert Partei zu ergreifen. Diese sehr artifizielle Inszenierung wird sicherlich viele Zuschauer abschrecken, doch wer sich auf sie einlässt, wird mit einem einzigartigen Filmerlebnis belohnt.

Die Doppel-DVD Edition präsentiert den Film in sehr guter Bildqualität und mit gutem Ton. Die englische Originaltonspur liegt im Format Dolby Digital 5.1 vor, während die deutsche Tonspur zusätzlich in DTS zur Verfügung steht. Film und Bonusmaterial sind deutsch untertitelt, englische Untertitel wären beim Film wünschenswert, fehlen allerdings. Insgesamt lässt sich sagen, dass die DVD in ihren technischen Eigenschaften überzeugt und die Erwartungen an die Veröffentlichung eines zeitgenössischen Films erfüllt.

Mit annähernd drei Stunden ist das Bonusmaterial äußerst umfangreich ausgefallen. Auf DVD1 befindet sich neben dem Originaltrailer von Hunger noch eine Trailershow mit einigen Filmen aus dem Programm von Ascot Elite. Den Großteil des Bonusmaterials auf DVD2 machen Interviews aus; dazu kommt noch ein kurzer Blick hinter die Kulissen.
Vier je etwa dreißigminütige Gespräche zwischen Filmkritiker Jason Solomons und den Filmemachern bilden den Kern der Interviews. Die Produzentin Laura Hastings-Smith berichtet hauptsächlich über die Entstehungsgeschichte des Films und die Herausforderungen bei den Dreharbeiten; Schauspieler Michael Fassbender erzählt über seine Annäherung an die Figur und den Gewichtsverlust für das letzte Drittel des Films; Robin Gutch, der zweite Produzent des Films, erteilt darüber Auskunft, wie das Projekt auf den Weg gebracht worden ist und wie die Reaktionen auf den fertigen Film aussahen; Regisseur Steve McQueen schließlich erläutert seine Motivation, den Film zu drehen und die Intention ausgewählter Szenen.
Die weiteren Interviews sind in einem fast vierzigminütigem Featurette namens „Fragen an das Team“ versammelt. Hier äußern sich die Darsteller Michael Fassbender, Liam Cunningham, Stuart Graham, Brian Milligan und Liam McMahon zu den von ihnen dargestellten Figuren. Hinzu kommen Regisseur Steve McQueen, Produzent Robin Gutch, Drehbuchautor Enda Walsh, Kameramann Sean Bobbitt und Szenenbildner Tom McCullagh, die jeweils die Herausforderungen ihrer Aufgaben erläutern.

Der Blick hinter die Kulissen ist 12 Minuten lang und leider unkommentiert. Auf der Bonus-DVD ist zudem noch ein einminütiges PR-Video von Amnesty International zu sehen.
Umfangreiches Bonusmaterial also, das den Vergleich mit der Veröffentlichung der Criterion Collection eigentlich nicht zu scheuen braucht. Der große Unterschied ist, dass sich die deutsche DVD auf den Film selber konzentriert, während bei der Criterion Collection DVD viele der Interviews zugunsten einer Dokumentation wegfallen, welche die historischen Hintergründe beleuchtet. Die gute Bildqualität der einzelnen Beiträge und die ausblendbaren (an einigen wenigen Stellen allerdings leider fehlerhaften) deutschen Untertitel vervollständigen das positive Gesamtbild. Eine klare Kaufempfehlung.

Alle Standbilder entstammen der DVD von Ascot Elite.